Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror (Gebundene Ausgabe)
von Henryk M. Broder, Reinhard Mohr


 
Zeitgeschichte!
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

&bdquoKein Krieg, nirgends" ist offenbar ein Buch das sich der Autor von der Seele schreiben musste. In wohl keinem anderen Land der Welt wurde über den 11. September, die Intervention in Afghanistan und den sich zum Zeitpunkt der Drucklegung abzeichnenden Irak-Konflikt so viel blühender Unsinn geredet und geschrieben wie in Deutschland. Ein Großteil der deutschen Intellektuellen, Prominenten, Feuilletonisten und &bdquoseriösen" Berichterstatter beurteilte die weltpolitische Lage so, als ob es keinen 11. September gegeben hätte und die Bedrohung durch den internationalisierten Terrorismus nicht real sei. Deutsche Kulturschaffende debattierten über die von den &bdquophallischen" Twin Towers ausgehende Provokation und darüber, ob Hochhäuser an sich moralisch verwerflich seien, während am &bdquoGround Zero" in New York die Bergungsarbeiten liefen und die Suche nach den für die Anschläge Verantwortlichen begann. Es folgte alsbald die moralische Distanzierung von den Opfern und der Versuch, die Motive der Terroristen, die 3.000 Menschen in den Tod gerissen hatten, nach Sozialpädagogen-Manier zu rationalisieren. Nüchternen Menschen musste der Eindruck entstehen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Deutschen komplett den Verstand verloren hatte. Henryk M. Broder ist einer der wenigen, welche die menschelnde Phrasendrescherei jener Tage nicht kommentarlos hinnehmen wollten. Das vorliegende Buch ist denn eine Auswahl aus dem &bdquoPandämonium der unschuldigen Seelen" (Reinhard Mohr im Nachwort), die Broder mit spitzer Feder kommentiert und geraderückt. Herausgekommen ist ein Stück Zeitgeschichte, das gerade durch seine Opposition zum gesellschaftlichen Mainstream und erfrischende politische Unkorrektheit wie ein Befreiungsschlag gegen die allgegenwärtige Meinungsmache wirkt. &bdquoKein Krieg, nirgends" ist eine glänzende Zusammenfassung der Symptome der gesamtdeutschen Massenpsyche, die sich in der Debatte nach dem 11. September in einer in der jüngeren Geschichte einmaligen Deutlichkeit zeigten.
Dabei setzt der Autor ein virtuelles Ich ein, auf das die Stilblüten der Drewermanns, Willemsens, Wickerts und Grass' im medialen Dauerfeuer nur so herunterregnen. Es gelingt diese &bdquoKritik" als uralte antiamerikanische Ressentiments und typisch deutsche Urängste zu entlarven, bis der Autor im letzten Kapitel verstummt und die abstrusen Gedankengänge der geballten deutschen Intelligenz für sich allein stehen lässt.
Wer des ewigen antiamerikanischen Spins der deutschen Medien überdrüssig ist und fühlt, dass deren Berichterstattung weder sachlich ausgewogen noch objektiv, aber dafür unausweichlich ist, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Er wird ein wunderbar ironisches Werk vorfinden, das zum Lachen reizt - zu einem herzhaften, befreienden Lachen.
Eine Rezension von Martin Schott "arnoldlayne78110" Bayreuth
vom 22. März 2006
Kundenrezensionen:
25. Zeitgeschichte! (die aktuell angezeigte Rezension)
24. Nichts für Broderfans
23. Viel erlebt und nichts begriffen
22. Erfrischend und ernüchternd anders
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